Schreibt mehr Verben. Ein Plädoyer für einfache Sätze

von Uta Lange am 14. Dezember 2016

Ich liebe Verben. Verben sind aktiv und lebendig. Sie transportieren eine Aussage. Sie sprechen mit mir.

@ pamela_d_mcadams - Fotolia.com

Sätze, in denen sich Substantive aneinanderreihen, sprechen so wenig mit mir wie der hölzerne Nussknacker, der in der Vorweihnachtszeit auf meinem Fensterbrett steht. Sie wirken sperrig und unpersönlich, manchmal sogar feindlich. Häufig enden sie auf -ung: Ingangsetzung, Kennzeichnung, Erreichung. Oft muss ich sie mehrfach lesen, was dazu führt, dass ich mir blöd vorkomme, weil ich wieder mal nichts kapiere.

Einige behaupten, Substantive sind ökonomischer, weil man viele Informationen in wenige Worte packen kann und, wenn's geht, in einen einzigen Satz.1 Wie finden Sie das:

„Eine Handlungspflicht des Vermieters oder Verwalters auch gegenüber der Überwachungsbehörde ergibt sich bei Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik erst bei einer Überschreitung des technischen Maßnahmewertes für Legionellen oder eines Grenzwertes. Die bei einer Legionellenkontamination seitens des Betreibers ohne jede weitere Aufforderung zu ergreifenden Abhilfemaßnahmen ergeben sich aus § 16 Absatz 7 TrinkwV.“2

Haben Sie alles sofort verstanden? Gut. Dann lesen Sie nicht weiter.

Lebendig und verständlich zu schreiben, ist die Kunst – oder ist zumindest aufwändig. Also unterstelle ich Verfassern substantivlastiger Absätze zunächst einmal Zeitnot. Gute Sätze kosten Zeit. Oder sollen sie den Lesern etwas beweisen? Warum sonst schreiben wir, dass Technik zum Einsatz kommt, wenn wir Technik nutzen können? Warum bringen wir ein Problem zur Sprache, statt das Problem anzusprechen? Warum unterziehen wir eine Maschine einer Prüfung, statt sie zu prüfen? Warum üben wir Kontrolle aus, statt zu kontrollieren? Wen wollen wir beeindrucken? Den Leser? Eher nicht.

Gerade wir technischen Redakteure sollten uns nicht davor scheuen, einfach zu schreiben. Einfach heißt nicht einfach im Kopf. Einfach ist schwer, denn es bedeutet einen größeren Aufwand und die selbstkritische Analyse unserer Texte. Jeden Satz sollten wir darauf prüfen, ob er verständlich, klar und lesbar ist. Ob er zu den Lesern spricht, ihnen zugewandt ist. Dafür benötigen wir unter anderem starke und aussagekräftige Verben. Unsere Leser werden es uns danken.

Tipps:

  • Streichen Sie die Ungs. Und wenn Sie schon dabei sind, ersetzen Sie auch gleich die Substantive, die auf -heit, -keit oder -schaft enden.
  • Untersuchen Sie jeden Ihrer Sätze darauf, wie viele Substantive er enthält und überlegen Sie, welche sie mit Verben ersetzen können.
  • Haben Sie die Wahl zwischen Verb und Substantiv, wählen Sie das Verb.
  • Vermeiden Sie Funktionsverbgefüge wie „Beachtung schenken“ (beachten), „in Anspruch nehmen“ (beanspruchen), „Hilfe leisten“ (helfen).
  • Vermeiden Sie Verben wie erfolgen, durchführen, ausüben. Ihnen folgen immer Substantive. Beispiel: Führen Sie die Untersuchung des Patienten zweimal täglich durch (Untersuchen Sie den Patienten zweimal täglich).
  • Vermeiden Sie Hilfsverbkonstruktionen mit „haben“, „werden“ oder „sein“.
  • Verwenden Sie gute Verben und vermeiden Sie weniger aussagekräftige wie „bewirken“ und „bewerkstelligen“ oder „beinhalten“.

Lesen Sie auch den Blogartikel von Marco Prestel, der mir aus der Seele sprach und aus dem ich einige Tipps übernommen habe: http://www.marcoprestel.de/stil12.html

Fußnoten

 1 Steht so ähnlich hier: http://www.marcoprestel.de/stil12.html.

2 Gefunden hier: www.haus-und-grund-muenchen.de/mainw/presse/trinkwasserverordnung.html.

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